Seit Mitte März erlebt unser Lehrer, Herr Schinwald, die Coronakrise in doppelter Ausführung. Erstens als Österreicher, der in Deutschland unterrichtet. Zum Zweiten arbeitet er an zwei Schulen gleichzeitig, nämlich an unserer Realschule und an der Berufsschule. Drittens hat er daheim zwei schulpflichtige Buben, denen er beim Homeschooling zur Seite stehen muss.

Herr Schinwald ist Deutsch und Geschichtslehrer und zugleich der Kompasskoordinator unserer Schule. Hinter dem Begriff „KOMPASS“ steckt ein stärkenförderndes Lern- und Lehrkonzept, das die Fertigkeiten und Fähigkeiten des Lernenden in den Vordergrund rückt. Stärken fördern anstatt immer nur nach Fehlern zu suchen, ist das Leitmotiv. Unsere Schule hat in diesem Zusammenhang an einem mehrjährigen Schulversuch teilgenommen und seinerzeit ein neues Fach mit dem Namen „Persönlichkeitsentwicklung“ eingerichtet.
Während der Coronazeit hatte Herr Schinwald ein echtes Aha-Erlebnis. Der Unterricht bei halber Klassenstärke barg für Lehrer und Schüler vielfältige Möglichkeiten, auffallende Lernerfolge wurden evident, viele sonst eher ruhige Lerner zeigten verschiedene Facetten ihres Könnens. „Manch einer, von dem man das ganze Jahr noch nichts vernommen hatte, ließ plötzlich offenes Interesse am Unterrichtsgeschehen erkennen“, so der Pädagoge. „Ein anderer verriet seine Sorgen, die ihn bezüglich der weiteren Schullaufbahn beschäftigen.“ Hausaufgaben seien regelmäßig erledigt worden, immer wieder hätten Schüler nachgefragt, wenn sie etwas nicht verstanden hätten. Es habe eine lockere Unterrichtsatmosphäre vorgeherrscht, die aber geleichzeitig Verbindlichkeiten und Regeln zu schaffen wusste. Fazit: „Ein Unterricht, der viele Prämissen des Kompassansatzes zur Geltung kommen ließ,“ so Deutschlehrer Schinwald.
Die GEW – Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft – macht nach den Coronaerfahrungen vieler Lehrer mit kleinen Klassen derzeit in vielen Bundesländern mobil für die Schaffung reduzierter Klassenstärken.
Deutschland schneidet im internationalen Vergleich bei der Klassengröße nicht gut ab. Trotzdem gibt es wenig ernsthafte Bemühungen dies zu ändern. Im Gegenteil: Immer wieder wird unter Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen verbreitet, auch in größeren Klassen ließe es sich gut lernen. Leistung und pädagogischer Erfolg seien nicht abhängig von der Klassenstärke. Nach den Erfahrungen vieler Lehrkräfte in den letzten Wochen und Monaten: ein Irrglaube.
Die Arbeit in halbierten Klassen bietet aus Sicht der GEW und ihrer Unterstützer nicht nur mehr Schutz vor Corona, sondern habe für große Lernerfolge gesorgt. „Wir haben Lerneffekte bei Kindern bemerkt, die Bildungspolitiker längst abgeschrieben haben“, zitiert die GEW einen Petitionsunterstützer. „Wir haben es alle gemerkt, mit einer halben Klasse zu arbeiten, ist ein fundamentaler Unterschied“, sagt Angelika Neubäcker, Vorsitzende der GEW Bayern. Sonst eher stille Schüler würden plötzlich zur Geltung kommen, weil sie sich in der kleineren Gruppe wohler fühlten und mehr Selbstvertrauen hätten. „Es wird auch noch mal deutlich, dass unsere Arbeit, so wie wir sie sonst machen, auf Dauer gesundheitsschädlich ist – die Arbeit an Schulen ist ein Kraftakt.“ Die GEW fordert, die Erfahrungen aus der Corana-Zeit müssten nun ausgewertet und weiterentwickelt werden.

Johannes Vesper

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