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In der Nacht zum Ostersamstag gerät Georg Baur in eine Situation, die mittlerweile schon zum Alltag in vielen deutschen Städten gehört. Nach einigen verbalen Auseinandersetzungen schubsen und treten zwei Jugendliche in der Berliner U-Bahn solange auf einen Mann ein, bis er schwerverletzt am Boden liegt.

Während die Menge um ihn herum wie erstarrt zuschaut, greift der 21-Jährige aus dem bayerischen Dorf Hürnheim beherzt zu. Die Täter ergreifen die Flucht. So etwas nennt man Zivilcourage. Mit ihrem Projekt „zammgrauft“ zeigt die bayerische Polizei Jugendlichen, wie man sich auf ähnliche Situationen vorbereiten kann. Schon häufiger haben auch unsere Klassen dabei mitgemacht.

Mit „Mordswut“ betitelte der „Spiegel“ seine erste Maiausgabe. Ein düsteres Gewaltszenario Jugendlicher entwarfen die Macher des Wochenmagazins und konstatierten als Folgeschaden der Gewalt die Angst vor der Gewalt. Eine gefühlte Unsicherheit sei ein ständiger Begleiter für viele Menschen geworden, die nachts allein in einen Bus steigen oder eine Unterführung passieren müssten. Viele seien beherrscht von der Angst das nächste Opfer zu sein.

Es sei selbstverständlich für ihn gewesen, hier einzugreifen, so beschreibt der junge Mann aus Bayern, der als Tourist in Berlin unterwegs war, sein mutiges Eingreifen. „Hätte ich überlegt, wäre der Mann vielleicht tot.“ Und die Menschen um ihn herum? Er glaube, dass sie große Angst gehabt und für sich bewusst entschieden hätten, nicht zu helfen, zieht er ein ernüchterndes Resümee. Allein in Berlin weist die Kriminalstatistik des letzten Jahres fast 4446 Fälle von Körperverletzung in Bussen, Zügen oder Bahnhöfen auf.

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Wie die Sitzreihen in einem Bus hat Polizeiobermeister Reinhard Rudolph die Stühle im Klassenraum für die Siebtklässler angeordnet. „Raubüberfall im Bus“ heißt die Szenerie, die hier von der Klasse 7D in Gang gesetzt wird. Wie hat sich das Opfer gefühlt? Was haben die Fahrgäste empfunden? Was kann man machen um zu helfen? „Was soll der Florian in dieser Situation tun“, wird der Jugendbeamte gleich konkreter. Spätestens jetzt ist die Aufmerksamkeit hergestellt und allerhand Lösungsvorschläge prasseln auf ihn ein. „Muss man in solch einer Situation überhaupt was machen?“, wollen die beteiligten Schüler wissen. Unterlassene Hilfeleistung, so sieht es das Strafgesetzbuch vor, kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden. „Dabei darf ich mich natürlich nicht selbst in Gefahr bringen“, sagt Rudolph und so sieht es auch der Gesetzgeber. Und hier beginnt das, was man gemeinhin als Zivilcourage bezeichnet.

Die eifrigen Jungen arbeiten derweil ein breites Verhaltensrepertoire zum sinnvollen Opfer- und Täterverhalten heraus, das von Caritas-Mitarbeiterin Maria Auer an der Tafel festgehalten wird. Auf diesem Wege soll schrittweise Handlungssicherheit vermittelt und Zivilcourage gefördert werden. Von Anti-Gewaltstrategien über die Förderung von Gemeinschaft und Vertrauen bis hin zur Zivilcourage vermittelt das von „A bis Z“-Projekt, das im Fachbereich Jugend des Kommissariats 105 auf den Weg gebracht wurde, ein breites Spektrum sozialer Verhaltensstrategien.  Im spielerischen Rahmen soll die Bedeutung von Gemeinschaft, Vertrauen und Zivilcourage verdeutlicht werden. Das Thema Gewalt werde im Allgemeinen thematisiert, so Rudolph. Natürlich seien auch Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Mobbing Thema.

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„Wir stimmen die Übungen auf die jeweiligen Gruppen ab“, so die Diplom-Pädagogin der Caritas,  die das Projekt gemeinsam mit der Polizei umsetzt. Die siebte Jahrgangsstufe wird vom Referententeam aufgrund der Reifeentwicklung für das Vorhaben favorisiert. Durch gruppendynamische Übungen und Rollenspiele ließen sich auch Konflikte innerhalb einer Klassengemeinschaft gut thematisieren, so Auer. Manchmal komme man von außen eher an Jugendliche heran als jemand, der tagtäglich mit ihnen arbeitet. Bundesweit laufen eine Reihe von Projekten, die sich der Präventionsarbeit mit Jugendlichen verschrieben haben. Wie gut oder schlecht sie sind, lasse sich oft nur schwer sagen, so das Deutsche Jugendinstitut in München. Derweil stellten erste Evaluationsergebnisse der Uni München der Projektidee „zammgrauft“ ein gutes Zeugnis aus. Das taten auch die Teilnehmer der Knabenrealschule, die die etwas andere Art des Lernens als Bereicherung empfanden. Und außerdem habe es richtig Spaß gemacht, waren sich die Buben einig.

(J. Vesper)

 
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