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Dienstagfrüh um acht. Ein großer LKW parkt an der Bordsteinkante, zwei Polizeiautos fahren vor. Ein Polizist in Uniform hat sich schon in Position gestellt: Günter Rauscher vom Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei Ainring. Bedächtig treten die Jungen zur Seite, scharen sich im Halbkreis um den blauen Lastkraftwagen mit Anhänger und der Aufschrift „THW“. Die Aufmerksamkeit ist hergestellt und die Sechstklässler der Knabenrealschule, die eben noch blindlinks über die Straße liefen, sind ganz Ohr. Für ein Thema, auf das deutschlandweit mit zahlreichen Aktionen aufmerksam gemacht wird: der tote Winkel.
Als toter Winkel wird gemeinhin der vom Fahrzeugführer aus seiner Position trotz Rückspiegel nicht einsehbare Bereich seines Fahrzeugs bezeichnet. Da sich das nicht einsehbare Feld sowohl seitlich links und rechts, als auch vor und hinter dem Fahrzeug befindet, wird der Begriff häufiger in der Mehrzahl verwendet und in Gesetzestexten mit 38 Grad angegeben. Doch die Sichtweise der Juristen ist nicht die der Kinder.
Da hilft nur eins: Es selbst ausprobieren. Simon nimmt den Kegel, rückt vor zur Seite, wirft einen Blick in den Außenspiegel richtet sich noch einmal aus – und gibt sich schließlich „einsichtig“ in des Wortes doppelter Bedeutung. „Kinder müssen begreifen, dass der LKW- oder Busfahrer nicht jeden Bereich um sein Fahrzeug herum einsehen kann“, so Rauscher. Ein großer Gefahrenpunkt sei dort, wenn Kinder vor dem Bus die Straße überqueren wollen und der Fahrer sie nicht sieht. Wie schnell man im toten Winkel verschwindet, demonstriert Andreas Becker vom THW Berchtesgadener Land beim Rechtsabbiegen mit seinem LKW. Die am Bordsteinrand platzierten Plastikbecher kommen im wahrsten Sinne des Wortes schnell unter die Räder, und zwar vor allem der Hinterräder, die beim Abbiegen dem Bordstein viel näher kommen als die Vorderreifen.
Entschärft werden könne die Gefahr dadurch, dass die Kinder Blickkontakt mit dem Fahrer über den Spiegel aufnehmen, so Rauscher. „Wenn die Kinder den Fahrer sehen, kann er sie auch sehen.“ Die Jungen machen die Probe aufs Exempel. Auf Nummer sicher geht, wer wartet, bis der Bus oder Lastwagen abgebogen ist. Hoch oben auf dem Truckersitz lassen die Sechstklässler ihre Blicke schweifen und stellen fest: Von hier sieht die Welt unten auf der Straße gleich ganz anders aus, aber: Die erhöhte Sitzposition garantiert keine Rundumsicht. Die angehenden Verkehrserzieher aus dem Polizeidienst, die aus einiger Entfernung den praxisnahen Unterricht genauer unter die Lupe nehmen, geraten gleich ins Blickfeld von Franz, der gerade auf dem Fahrersitz Platz genommen hat, die Klassenkameraden in unmittelbarer Fahrzeugnähe jedoch sieht er schon nicht mehr.
Gerade Kinder und jugendliche Radfahrer verunglücken immer wieder bei Unfällen im toten Winkel. Dabei ist die Gefahr von einem abbiegenden LKW überrollt zu werden, besonders hoch, da sie die vielfältigen Situationen des Verkehrs nur unzureichend wahrnehmen und oft falsch einschätzen. „Deshalb ist gerade der Blick über die linke Schulter lebenswichtig“, mahnt Rauscher. „Es geht uns darum, unsere Schüler auf diese Gefahren aufmerksam zu machen“, so Lehrer Klaus Thielen, zuständig für Fragen der Sicherheit im Schulhaus. „Für die tatkräftige Unterstützung durch Polizei und Technisches Hilfswerk sind wir sehr dankbar.“
J. Vesper |