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„Es vollzieht sich ein Wandel des intoleranten Tempelherrn zum toleranten Gläubigen, der auch andere Religionen akzeptiert.“ So schreibt Korbinian (17) im Rahmen eines Theater-Zeitungs-Projekts, das sich mit der aktuellen Aufführung „Nathan der Weise“ am Landestheater Salzburg auseinandersetzt. Unter dem Motto „Toleranz“ fanden die unsere Schüler der 10 C gemeinsam mit ihrem Deutschlehrer Peter Schinwald einen ganz eigenen Zugang zu einem Stück, das auch noch 300 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Toleranz und Vernunft, die Grundpfeiler der Aufklärung, sollten eigentlich die wichtigsten Säulen des menschlichen Zusammenlebens bilden. Hätte Lessing die Möglichkeit, die Gegenwart hinsichtlich der Umsetzung aufklärerischen Gedankenguts zu überprüfen, würde er schnell feststellen, dass sich auch im 21. Jahrhundert vieles so verhält, als habe es Aufklärer und Humanisten nie gegeben. Vielleicht erfreut sich gerade deshalb der Bühnenklassiker mit der bekannten „Ringparabel“ nach wie vor so großer Beliebtheit. In Salzburg hat derweil Tim Kramer eine moderne Inszenierung auf die Bühne gebracht, in der sich die Vertreter der Weltreligionen im Sinne von gezielter Selbstentblößung nicht schonen. Das Bühnenbild erinnert an ein Schlachtfeld im Gaza-Streifen, Sultan Saladin „residiert“ im aufgetragenen Morgenmantel auf einem heruntergekommenen Plastikstuhl. Der Patriarch von Jerusalem, angekündigt in „vollem Pomp des kirchlichen Glanzes“, hat sich ein Regencape umgehängt, auf dem Kopf trägt er ein Nudelsieb.
„Solch eine moderne Fassung des Stückes“, schreibt Michael in seiner Theaterkritik, könne ein Problem für den typischen Theaterliebhaber sein. Ein Nathan im Outfit eines Immobilienmaklers? „Ein weiser Mann – sollte der nicht einen langen weißen Bart tragen und in jedem Fall ein ganzes Stück älter sein?“, wirft Patrick kritisch ein. Für den klassischen Theaterbesucher sei das wohl nicht das Richtige. „Wir fanden die Schauspieler gut“, darin sind sich die Zehntklässler einig. Viel Humor, ein lebendiges Stück sei zu sehen und es stecke eine ganze Menge dahinter, wenn man sich darauf einlässt.
Bereits vor der Premiere im Oktober startete die Projektarbeit. Gemeinsam mit einer Schulklasse des Musischen Gymnasiums Salzburg starteten die jugendlichen Knabenrealschüler ihre Reise ins Innere der Theaterwelt: Besuche der Vorstellungen, Gespräche mit den Schauspielern, ein Besuch der Theaterpädagogin und des Produktionsdramaturgen im Schulhaus standen auf dem Programm. Außerdem galt es, Infos rund um die Textentstehung, den Autor und seine Zeit zu sammeln Die gezielte Ausgestaltung journalistischer Mittel musste eingeübt, Grundzüge der großen monotheistischen Religionen herausgearbeitet werden. So entstanden Reportagen, Essays, Leserbriefe, Comics – die nun zu jeder Aufführung des Nathan im Eingangsfoyer des Landestheaters im benachbarten Salzburg feilgeboten werden.
Leider kommen viele Theaterbesucher oft erst auf den letzten Drücker, so dass sie kaum mehr Zeit finden, sich einzulesen – in die offenbarte, interessante Gedankenwelt von Jugendlichen zweier Schulen, die eine ganz eigene Sichtweise zum Vorschein bringt. „Eine freundlichere und angenehmere Lebensatmosphäre“, wie Hakan sie fordert, „Jeder Mensch auf dieser Welt sollte ein Stück toleranter werden. Vor allem gelte es Dummheit und eingefahrenen Denkmustern zu begegnen, so Marc. Und: Werden auch in Zukunft die Religionen Kraftquell für den Menschen bleiben, schreibt Thomas. Hätte Lessing die Möglichkeit, einen Blick in diese Theater- Zeitung der 16- und 17-Jährigen zu werfen, über das zu Tage tretende, hohe Maß an Einsichtsfähigkeit in seine Ideale wäre er sicher erfreut. Die Jugendlichen haben ein Zeichen gesetzt, das Mut machen kann für eine Zukunftsgestaltung, die ein offenes und tolerantes Miteinander in den Vordergrund stellt.
J. Vesper |