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„Lesen? Ja, wenn überhaupt, dann die Sportzeitung.“ So die Antwort einer ratlosen Mutter auf die Frage nach den Lesegewohnheiten ihres 12-jährigen Sohnes, dessen Leistungen nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch in anderen Fächern zu wünschen übrig lassen. Vieles hat sich verändert in der Lese- und Lernkultur in den letzten Jahren. Um die Schlüsselqualifikationen für den Alltag zu sichern, lassen sich die zahlreichen auf die Volksbildung bedachten Einrichtungen einiges einfallen. Dazu gehört auch der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgerichtete Vorlesewettbewerb für die Schüler der sechsten Klassen. Der ging dieser Tage auch an unserer Schule über die Bühne.

Von der Championsleague noch weit entfernt“, so resümmierte OECD-Leiter Heino Meier die jüngsten Pisa-Ergebnisse, die einen leichten Aufwärtstrend in den Leseleistungen von Kindern und Jugendlichen hierzulande erkennen lassen. Der Vergleich mit der kickenden Zunft ist dabei mehr als treffend gewählt, scheinen doch hinsichtlich der Fähigkeiten rund um Ball und Buch die Grundlagen abhanden gekommen zu sein. Der leidenschaftliche Straßenfußballer und der in seine Lektüre versunkene Bücherwurm sind zu einer exotischen Spezies geworden. Um diesen Entwicklungen gezielt und grundlegend entgegenzutreten, wurden allerlei Einrichtungen und Aktivitäten ins Leben gerufen. Was die Talentsichtung des Sportverbands, ist der Vorlesewettbewerb für den Kulturverein.

Lesetechnik, Textgestaltung und Textverständnis, das sind die Kriterien, nach denen die Jury Andreas, aus der Klasse 6 C, und seine drei Mitstreiter, an diesem Schulvormittag in der Adventszeit beurteilten. Andreas Neumeier (6 C), Robert Hogger (6 A), Simon Schlosser (6 B) und Andreas Ramelsberger (6 D) waren zuvor als Klassenbeste gekürt und in den Wettstreit vor der versammelte Jahrgangsschülerschaft geschickt worden. Die erlesenen Knabenrealschüler zeigten sich von ihrer besten Seite – und wenig Lampenfieber. Der von Deutschlehrerin Karin Amann unterhaltsam organsierte Lese-Wettstreit erbrachte unter den Augen einer kritischen Jury, der auch der Freilassinger Buchhändler Franz Krittian und Schulleiterin Irmengard Schmidtner angehörten, ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen, das Platzierungen in bereits benannter Reihenfolge ergab.

Mit spannender Buchlektüre für die Weihnachtstage prämierte Krittian, die vier erfolgreichen Vorleser, die  Vergleich mit den Mädchen ihrer Altersklasse nicht scheuen müssen. Der Unterschied sei größer geworden, bescheinigt die Pisa-Studie dem männlichen Teil der Schülerschaft eher schlechte Leseergebnisse. Verbreitete sich das Lesen ab dem späten 18. Jahrhundert unaufhaltsam als Kulturtechnik, die vom Vorlesen zum individuellen und leisen Lesen wurde, so dass nicht selten vor den Folgen so genannter Lesesucht, die „handlungsunfähig mache“, gewarnt werden musste, so sind in der modernen Gesellschaft eher kulturtechnische Defizite auszumachen. Um die Probleme einigermaßen in den Griff zu bekommen, verständigen sich die Bildungsexperten mittlerweile auf den Begriff der Kompetenzen, der im weitesten Sinne die Handlungsfähigkeit in einer bestimmten Lebenssituation umschreibt.

Dabei wird aus dem Leseerlebnis von einst, dem „Kino im Kopf“,  ein intellektuelles Unternehmen mit häufig existenzieller Funktion. Dadurch erlangt es Bedeutung und Anreiz. So hat ein amerikanisches Forscherteam unlängst herausgefunden, dass eine zu geringe Lesefähigkeit als lebensverkürzender Faktor gleich nach dem Rauchen kommt. „Wenn Patienten nicht lesen können, sind sie nicht in der Lage, die Dinge zu tun, die notwendig sind, um gesund zu bleiben,“ so Prof. Dr. David Baker von der Northwestern University im Bundesstaat Illinois. Bis zu 50 Prozent erhöhe sich die Sterblichkeitsrate bei Menschen mit ungenügend ausgeprägter Lesefähigkeit. Schon aus rein lebenspraktischen Erwägungen empfiehlt sich also die eingehende Pflege der kulturtechnischen Errungenschaft auf breiter Ebene.

 

(J. Vesper)

 
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