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Es ist kurz vor acht am Dienstagmorgen. Herr L. ist auf dem Weg ins Klassenzimmer. Ein lautstarkes Stimmengewirr tönt durch die Gänge, Jacken fliegen zur Tür heraus, zwei Jungen lassen noch einmal die Fäuste gegeneinander fahren.  Jetzt noch ungefähr zehn Meter und für Lehrer L. beginnt ein ganz normaler Arbeitstag. „55 Prozent Körpersprache,  38 Prozent  Stimme und 7 Prozent  Inhalt“, so entsteht menschliche Wirkung. Und solch ein Auftritt im Morgengrauen eines Pädagogen braucht Struktur. So sieht es Klaus Krebs, einer der profiliertesten Motivationspsychologen hierzulande. Einen Tag lang gab er an im Rahmen einer Fortbildung Einblicke in die hohe Kunst gezielter Motivation und gekonnter Demotivierung.

Emotionale Bedingungen, wirksame Faktoren, Strategien, Verhaltenspläne – hier kommt nichts zufällig oder unbedacht daher. Fernab der grauen Theorie gibt´s eine Menge Möglichkeiten Menschen gezielt zu einem Verhalten zu bewegen, die nicht nur im Pädagogenalltag ihre Gültigkeit haben. Schließlich ist der erfahrene Berliner Diplom-Psychologe nicht nur in Schulhäusern unterwegs, sondern auch in den höchsten Managementetagen von Siemens, Boehringer oder der Bayer AG in Leverkusen. Also überall dort, wo das menschliche Miteinander funktionieren muss, gemeinsame Ziele angepeilt oder Konflikte entschärft werden sollen. „Schüler stören, weil sie Spaß haben wollen“, so Krebs. „Und sie bemerken, wenn sie sich daneben benehmen.“ Ihre „Hauptwaffe“ sei das Erregen von Aufmerksamkeit.  Diese Erkenntnis dürfte Herrn L. so kurz vor seinem Klassenzimmer nicht großartig weiterhelfen. Genauso wenig wie die Feststellung, dass er als Lehrer einer der wichtigsten Berufsgruppen der Gesellschaft angehöre. „Ein von jeher toller Status“, so Krebs. „Wenn man ihn nutzt.“

Die menschliche Zuwendung hat in der Motivationspraxis eine Schlüsselfunktion. „Die schlimmste Strafe für einen Menschen ist, ihn nicht zu beachten“, so der Kommunikationstrainer. Einem Schüler Aufmerksamkeit zeigen, sei bereits eine Form des Lobes. Eine Note erkenne eine erbrachte Leistung an. „Was ein Mensch kann, ist sein Fundament – Lob stärkt dieses Fundament.“ Es gelte, zuerst bewusst die Schüler wahrzunehmen, die den Unterricht mit tragen. „Die disziplinarischen Möglichkeiten in den Schulen nehmen kontinuierlich ab und verfehlen häufig ihre Wirkung“, so Krebs. Ein Verweis ist oft nicht mehr das, was er einmal war. Umso wichtiger sei der Aufbau sozialer Attraktivität: Mitläufer würdigen, eine eindeutige Führungsrolle übernehmen. Sobald eine Klasse hinter dem Lehrer stehe, verringere sich die Zahl der Störer immens, stellt der mehrfache Deutsche Mannschaftsmeister im Tae Kwon Do und Meister der pointiert kurzweiligen Vortragskunst  günstige Klimaprognosen für die Klassengemeinschaft.

Wichtig sei es, Ziele und Werte festzulegen – und sie zu 70 bis 80 Prozent durchzuhalten. „Drei bis fünf Ziele, die bleiben im Kopf.“ Mehr seien in den Konzernspitzen der Chemieriesen auch nicht machbar. Die eigentliche Arbeit aber fange erst bei der Umsetzung an. „Schon als Vierjährige haben Kinder gelernt, dass Eltern sich an so etwas nicht halten.“ Die Messlatte liegt hoch, das Verhalten des Lehrers sollte zu 80 Prozent vorhersagbar sein, um seine  Glaubwürdigkeit zu sichern. Lob und Kritik unabhängig von der eigenen Stimmung zu verteilen, begründe den Respekt vor der Lehrkraft. „Sie erhalten spürbar deutliche Anerkennung, wenn sich Ihr Loben und Kritisieren ausschließlich an den Leistungen und Persönlichkeiten Ihrer Schüler orientiert“, gibt der NLP-Coach eindeutige Order in die Runde.

Der normale Mensch lobt von seinem Standpunkt aus. Die eigene Motivationsstruktur erkennen ist entscheidend. Der Schwerpunkt liege dabei in der Kindheit. „Wie wir motiviert wurden, finden wir es auch bei anderen angemessen und wirkungsvoll.“ Lob solle mehr zur Person als zur Sache gespendet werden. Ein anerkennendes Wort verdienen auch die, die im Hintergrund arbeiten. Lob baue auf, gebe Energie – Kritik koste Kraft. Schon deshalb sollte man etwas mehr loben als tadeln. Gerade Menschen, die viele Fehler machen, bräuchten Lob noch dringender als jemand, der oft gute Leistungen bringt.

Im Gegensatz zum Lob erreiche man mit Kritik keine Verhaltensänderung. Am besten unter vier Augen, zeitnah und mit konkretem Sachbezug kritisieren. „Kritik sollte neutral angekündigt werden“, so Krebs. „Keine abstrakten Begriffe verwenden!“, mahnt der Motivationscoach und Persönlichkeitstrainer vor den Konsequenzen falsch formulierter Beanstandung  Auch hier gelte: eine Beziehung sei nur soweit belastbar wie sie aufgebaut wurde. „Kritisieren Sie, solange der Vorgang noch aktuell ist. Betonen Sie dabei, dass Sie viel von einer Person halten, aber nicht in dieser Situation.“ Ermahnungen seien nur dann eine Führungstechnik, wenn man weiß, dass es der andere tatsächlich besser kann. Hier gelte der Grundsatz: „Wenn Sie bei der Beurteilung von Verhalten hart sind und danach den Menschen aufbauen, dann funktioniert das.“ Und nachdem man in den Gedankengängen des Referenten lange genug herumgekrebst ist, bleibt tatsächlich das unbestimmte Gefühl, man könne künftig mit deutlichem Anteil den Arbeitseifer von Kindern und Jugendlichen gezielt beflügeln.

(J. Vesper)

 
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