| Marco Balonier zur „Erziehung in der Pubertät“ |
|
![]() „Alle raus aus Deutschland“. Das war Sebastians (16) lapidarer Beitrag zum Thema „Integration“ im Sozialkundeunterricht. Gelächter und Beifall seitens seiner Mitschüler hatte er sich mit dieser Äußerung gesichert. Irritiert und ratlos schaute seine Lehrerin in die Runde. Auseinandersetzung, Provokation, Grenzüberschreitung – wo setzen die Hebel der Erziehung an? „Wie geht man mit Konflikten um, wie sie im Zuge pubertärer Entwicklungsschübe immer wieder auftreten?“ Der Beantwortung dieser Frage ging Marco Balonier, Mitarbeiter der Caritas Fachambulanz Bad Reichenhall, letzte Woche in einem Vortrag für die interessierte Elternschaft in der Knabenrealschule nach.
Im Gespräch zeigten sich Sebastians Eltern überrascht von der offenbarten Haltung ihres Sohnes: Fremdenfeindliches Gedankengut habe in der Familie absolut keinen Platz. Unter Beibehaltung des herkömmlichen Strafmaßnahmenkatalogs sanktionierte das familiäre und schulische Umfeld das Fehlverhalten stante pede. „Pubertät – eine schwierige Zeit für Eltern und Kinder“, so betitelte Balonier seinen informativen Vortrag über eine der schwierigsten Entwicklungsphasen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, ein Prozess der mit großen emotionalen, körperlichen und sozialen Veränderungen einhergeht.
„Niemals sonst im Leben hat der Mensch so viele verschiedene Probleme auf einmal zu bewältigen“, so der Reichenhaller Sozialpädagoge. Macho-Gehabe, regelmäßiger Alkoholkonsum, Statussymbole, Medienkonsum, unterwegs sein mit der Clique sind einige der Kennzeichen typisch pubertärer Verhaltensmuster bei Jungen. „Wer bin ich - die Suche nach Identität, die Ablösung von den Eltern, Protest, Provokation, das Experimentieren, auch mit Suchtmitteln“, so Balonier, selbst Vater dreier Kinder, tragen ein hohes Gefährdungspotenzial in sich. 20 Prozent der 12- bis 17-Jährigen hätten Erfahrungen im „Binge-Drinking“, meint das Rauschtrinken bis zur komatösen Bewusstlosigkeit. 67 Prozent der gleichen Altersgruppe konsumiere täglich über 3 Stunden lang die virtuellen Angebote unterschiedlicher Medien. Vertraute Eltern-Kind-Beziehungen halten häufig dem Druck nicht stand, Konflikte entstehen. Ein hochexplosives Gemisch aus elterlichen Regelmentierungsabsichten, Fehlinterpretationen und Hilflosigkeit gegenüber einem oftmals unvorhersehbaren Verhalten Heranwachsender stellen den Familienverband vor hohe Belastungsproben. Dabei sei gerade die Auseinandersetzung so wichtig für die Jugendlichen. „In der Pubertät muss Reibung stattfinden“, so Balonier. „Sie ist der Liebesbeweis und vermittelt die Erfahrung von Wertschätzung und Umsorgtsein. Mut machen für die Herausforderungen im Erziehungsprozess, so hatte er das wesentliche Ziel des Abends festgeschrieben. Strukturen, Verbindlichkeiten, Regeln auf der einen Seite, Selbstverantwortung und Freiräume auf der anderen. „Die Balance zwischen Halten und Loslassen, zwischen Kontrolle und Vertrauen und zwischen Grenzen setzen und Freiheiten lassen ist die große Herausforderung, der sich Eltern pubertierender Kinder immer auf´s Neue stellen müssen.“ Zum Streiten gehöre Mut. „Erziehung ist anstrengend.“ Aufklären, aber nicht moralisieren, das gelte vor allem im Zuge erkennbarer Suchtgefährdung. Gemeinsam mit den Kindern das Internet erobern, Benutzungszeiten festlegen, aber auch die eigenen Wertvorstellungen überprüfen. „Lohnt sich die Auseinandersetzung eigentlich, sind es nicht meine eigenen Vorstellungen und Wünsche, die ich dem Kind aufdrücken möchte?“ Entscheidendes Kriterium sei hier ein mögliches Gefährdungspotenzial, so der Caritas-Referent. Den gelb getönten Kurzhaarschnitt oder die Bundeswehrhose könne man getrost durchgehen lassen. Prinzipienreiterei oder willkürliches Abstrafen verfehlten ihre Wirkung allerdings ebenso wie das anbiedernde Verhalten „Berufsjugendlicher“. Vernünftige Regeln und ihre Einhaltung, die flexibel und einfühlsam zu handhaben sei, ermöglichten einen vertrauensvollen Umgang mit den Jugendlichen, die schrittweise lernen sollten, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen. „Eltern haben immer auch Vorbildfunktion“, nimmt Balonier die Erziehungsberechtigten in die Pflicht.. „Wenn ich Verzicht vorlebe, wird das die Kinder prägen.“ Jungen Menschen etwas zutrauen, ihre Stärken fördern, ein liebevoller Begleiter sein, den sie in der Phase, die sie als Zeit der Unsicherheit erleben, so dringend brauchen. Dabei gelassen bleiben, Klarheit offenbaren, Verständnis, Toleranz, Vertrauen und Liebe zeigen. Ein Kräfte zehrendes Unterfangen, das in den Eltern zuweilen den Wunsch nach innerer Auffrischung weckt. Wichtig sei, dass man auch auf sich selbst schaut, die Paarbeziehung pflegt und eigene Bedürfnisse ernst nimmt. Die Möglichkeit zum Austausch und Kennenlernen bestehe auch am „ElternTisch“. Dabei handelt es sich um einen begleiteten Erfahrungsaustausch über Erziehungsfragen. Die Einrichtung ist Teil des Projekts „FamilienBande“, ein aus EU-Finanzmitteln gefördertes Interreg-Projekt unter der Leitung der Suchtpräventionsstellen der Caritas Fachambulanzen im Berchtesgadener Land. (J. Vesper)
|

