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Knabenrealschüler bringen Stück von Sigi Zimmerschied auf die Bühne.


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„Mei i bin jo so g´spannt.“ Annerl ist aufgeregt. Schließlich habe sie über hundert Briefe geschrieben, bis nach Amerika telefoniert und „füa nix mehr Zeit g´habt,“ um das Wiedersehen mit ihren früheren Klassenkameraden zu organisieren. „Sie werden in der Regel angeregt und organisiert von früh verheirateten Müttern mit zwei bis drei Kindern und mäßig erfolgreichen Ehemännern“, so schreibt Autor Sigi Zimmerschied als erste Regieanweisung für sein Volksstück „Klassentreffen“ oder „Früha war des oisse ganz anders“, das kurz vor den Pfingstferien in der Aula der Knabenrealschule von den Mitgliedern der Schulspiel-AG aufgeführt wurde. Und wen wundert´s: Die Akteure hatten sich mit ihrer derb-bayerischen  Vortragskunst schnell in die Herzen der Zuschauer gespielt.

 

Als „einen Schaukampf in fünf Runden“ betitelte Kabarettist Zimmerschied die Wiedersehensfeier der Ehemaligen. Der Buchautor und Herausgeber der satirischen Zeitung „Hirtenbrief“ gründete einst zusammen mit Bruno Jonas die Kabarettgruppe „Die Verhohnepeople“. Das karikierende Volksstück aus den 80er Jahren arbeiteten die  Lehrkräfte Amelie Ametsbichler und Andreas Meier, die zusammen mit Lehrer Peter Schinwald die Schauspieltalente im Schulhaus betreuen,  für die Schulbühne um.

„Das Warten auf das kommende Unheil“ geschieht derweil mitten auf der Bühne hinter einem weiß-blau dekorierten Tischbezug, Ganz entspannt wirkt Annerl (Elias Barzinpour) im Dirndl, in ihrer naiven Zurückhaltung stets auf Harmonie bedacht. „Ned schreiten heid,“  so ihr Motto für den lang ersehnten Abend im Wirtshaus „Zum zünftigen Ochsen“. In seinem gekonnt vorgetragenen Wirtshaus-Charme wirkt ihr alter Weggefährte Franze (Michael Marnette) so, als hätte er das Gasthaus nie verlassen: „I sauf´s heid einfach olle zam de Schrumköpf“, so seine unwirsch vorgetragene Haltung zu Annerls liebevoll gemeintem Versuch, die alte Klassengemeinschaft noch einmal aufleben zu lassen. Seine kernig dumpfe Bierseligkeit gipfelt regelmäßig in dem Bestellungs-Refrain „Roswitha, a Hoibe!“

Langsam komplettiert sich der illustre Kreis. Und die Frage, wie lange Annerl, die guten alten Zeiten beschwörend, noch schwärmerisch vor sich hin träumen darf, scheint sich schnell zu beantworten.  Für die treue Seele wird es eine Geisterbahnfahrt, mit richtigen Gespenstern, und sie ist es, die am Schluss die Zeche zahlen wird. Für Anton (Franz Springl), A12-Beamter mit dem richtigen Parteibuch, ist Zurückhaltung eher ein Fremdwort. Aus dem „Muachgeydanton“ ist ein Karrierist mit Prinzipien geworden: „Disziplin fäid. De heidign Lehra san ja nu lascha wia Gastarbeita.“ „Wohlan, die Feierlichkeiten der nie vorhanden gewesenen Klassengemeinschaft können beginnen“, zieht Elmar (Adolf Stobert) eine ernüchternde Zwischenbilanz.

Während die gebetsmühlenartig vorgetragenen Welterklärungsversuche des Oberlehrers (Sven Komosa), der regelmäßig hinter seinem Katheder auftaucht, um sogleich wieder dahinter zu verschwinden, wie Fremdkörper wirken, die vom Geschehen abgestoßen werden, flirtet Bummerl (Philipp Schubert) verschämt mit Annerl. Auch der Prälat (Christian Hollinger) ist den weltlichen Genüssen nicht abgeneigt: „So Kinder, was gibt’s denn zu essen?“ Viel Aufsehen erregt das Wiedersehen mit Geli (Florian Both), die ihre neue Heimat in der Berliner Punkerszene gefunden hat: „Ihr sads ois Volldeppen“, nimmt die „Dämonin der Ghettokultur“, wie sie Elmar tituliert, kein Blatt vor den Mund. „Des hod ma jetzt so in Berlin, ge“, versuch Annerl beschwichtigend Partei zu ergreifen, während sie leicht verunsichert auf ihr Outfit zeigt. „Ja, Oma, sag mal, seid ihr alle bescheuert oder wie,“ fährt Geli schnurstracks die nächste Attacke – jetzt in Krawallstimmung und dialektfrei, ihrem Freund Gurkal (Andreas Pauli) großzügig einen Wein gewährend: „Hauptsache er ist still.“

Nichts wird sein, wie es früher mal war. Auch wenn der Wirt (Andre Sigl) reichlich nachschenkt und seine Kellnerin Roswitha (Sebastian Hollinger) an diesem Abend einige Wegstrecken zurücklegen muss, um den Bestellungen nachzukommen, lassen sich alte Wunden kaum mehr glätten und neue werden aufgerissen. Ein Wort gibt das andere, eine Hoibe folgt auf die nächste und die Spitzen verfehlen ihre Wirkung nicht. Zum Schluss wollen all die von Wein, Bier und Schnaps beseelten Schulfreunde früherer Tage nur noch dorthin zurück, wo sie herkommen. „Damois wa oisse ganz anders,“ zieht Annerl ein ernüchterndes Fazit, um gleich der Zahlungsaufforderung der Bedienung nachzukommen: „Ja, oisse zam, des wars.“ Nach dem kräftigen Applaus für die inbrünstige Spielweise der Schauspieltruppe, der noch Wolfgang Lamminger als Souffleur und Marvin Wolf als Ansager angehören, bleibt dem nüchternen Betrachter nur die Frage: Ist die Wirklichkeit überhaupt soviel anders?

(J. Vesper)

 
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