| Die „Odyssee in einer Stunde“ - Theater für die fünften Klassen |
|
|
Im Hintergrund ein überdimensionales Poster mit Urlaubsstrand, in Sprayermanier mit einem nicht druckreifen Wort provokativ verunstaltet, ein alter Strommast mit Lautsprecher, eine Gartenbank, die den Winter gerade so überstanden hat. Soll das die Kulisse für die Darbietung eines der bedeutendsten Werke der abendländischen Kulturgeschichte sein? „Die Odyssee – in einer Stunde“, ein Theaterstück für Kinder und Erwachsenene, von Bruno Stori, vom Passauer Theater „EigenArt“ in Szene gesetzt, eröffnete den Fünfklassschülern der Knabenrealschule einmal einen ganz anderen Blick auf die Abenteuer des Odysseus und seiner Gefährten auf ihrer Heimfahrt nach der Schlacht um Troja.
Als Rico alias Gerhard Bruckner mit seiner antiquierten Aktentasche, dem Vogelkäfig unterm Arm, eine zerfledderte Zeitung in der Hand, sich auf der Bühne einrichtet, rückt jeder Gedanke, einmal einen leibhaftigen Helden zu erleben, in weite Ferne. Wo ist Odysseus? Soll dieser gehbehinderte Dorftrottel im Altkleider-Outfit und notdürftig reparierter Hornbrille sich erdreisten Homers Hexameter zu parodieren? Die Zuschauer geben sich skeptisch. Ricos Hauptaugenmerk gilt zunächst seinen gefiederten Freunden, die er heil in sein Heimatdorf bringen will. Die „Piep-Schau“ nimmt aber bald ein Ende. „Frau Irene Kalypso, bitte am Fahrkartenschalter melden“, ertönt es in Volksempfänger- Akustik aus dem Bahnhofslautsprecher. Vor dem hat Gerlinde Feicht Platz genommen. Sie begleitet Rico auf seiner irren Fahrt durch die Welt homerischer Epen mit melodiösem Gleichkang und betonter Teilnahmslosigkeit. Der besänftigende Antipode des irrfahrenden Abenteurers. Obwohl sie die Einzige ist, der der verschrobene Alte in derb-bayerischer Gangart von seiner Geschichte, die ihn nicht loslässt, erzählen kann. Nur einmal nimmt sie ihren Spiegel vor – um etwas Lippenstift aufzutragen. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Wenn einer wie Rico eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und erst recht, wenn er dabei einen trifft, der ihm die Odyssee erzählt und er den Zug versäumt, weil die Odyssee so spannend ist. Klar dass Rico alles gleich weitererzählen muss, jener Musikerin, die im Bahnhof ihr Akkordeon spielt und den Passanten. So verschwimmt die eintägige Irrfahrt des scheinbar naiven Eigenbrötlers in seinen Heimatort mit der zehnjährigen Irrfahrt des Odysseus nach Ithaka. Ein rauer, derber, unsentimentaler Protagonist, der seine Gartenbank mal als Schiffsmast, mal als Baumstamm hernimmt, ständig auf dem Sprung in die nächste Szene. Ein Moritaten- und Bänkelsänger moderner Prägung, der einiges loswerden muss. Für ihn sind die Sirenen „ganz schöne Weiberleit“ „mit Schwanzflossen von Fischen, Forellen wahrscheinlich“ - und vor allem „nackert, ganz nackert“. „Schon im Heft vom Onkel Franz, da sind alle nackert.“ Oh, Oh, Odysseus, mag man da nur sagen. Die Welt der Helden kennt kein Erbarmen. „Wie an Narrischer“, weiß Rico voller Inbrunst zu berichten, schlägt der Held zum Schluss den zügellosen Freiern in seinem eigenen Haus die Köpfe ab. Mit der Inszenierung von Storis „Odyssee“ ist den Theater-Tüftlern der EigenArt-Bühne, die 1995 als freies Tourneetheater gegründet wurde, ein originelles, unkonventionelles und sehr unterhaltsames Stück gelungen, das Kinder genauso in ihren Bann zieht wie die erwachsenen Zuschauer. Außerdem macht es Mut, hat doch dieser hinsichtlich seiner Auffassungsgabe beschränkt auftretende Sonderling Rico das Welttheater kapiert. (J. Vesper) |
