| Die Geheimnisse chinesischer Kampfkunst |
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Wo sonst Bälle durch die Gegend fliegen, laut gebrüllt wird und sich Buben ein leidenschaftliches Kräftemessen gestatten, ist an diesem Nachmittag Stille eingekehrt. Verantwortlich dafür zeichnet sich Sonja Steppeler. Die Bewegungen der zierlichen Übungsleiterin sind langsam und fließend. Tai Chi steht auf dem Programm. Was man häufig in den frühen Morgenstunden in städtischen Parkanlagen beobachten kann, hat den Weg in eine Schulturnhalle gefunden. Dabei wird nicht nur der Bewegungsapparat in Gang gesetzt, sondern auch das Zusammenwirken beider Gehirnhälften trainiert. Über 50 Jugendliche in einen ruhigen und entspannten Körper- und Geisteszustand zu versetzten, scheint auf den ersten Blick ein schwieriges Unterfangen. Doch Sonja Steppeler hat sich den Zugang schnell erschlossen. Tai Chi ist ein Begriff, der aus einer Zeit stammt, als Laotse dem Taoismus zur chinesischen Volksreligion verhalf. Übersetzt bedeutet er „das erhabene Letzte“. Warum die meditative Bewegungskunst mit der 1000-jährigen Tradition aus China in den letzten Jahrzehnten auch im Westen so große Verbreitung gefunden hat, liegt auch im hohen gesundheitlichen Stellenwert des Entspannungsverfahrens begründet. „Außerdem ist es für jeden leicht erlernbar“, so die Reichenhaller Massagetherapeutin und Bewegungslehrerin. Egal ob alt oder jung, sportlich oder unsportlich. „Es wird für jeden seine Wirkung entfalten und zur praktischen Lebenshilfe beitragen.“ „Schattenboxen“ ist längst zur anerkannten Bewegungstherapie geworden. Gesetzliche Krankenkassen erstatten die Kursgebühr. Voraussetzung für einen nachhaltigen Trainingseffekt sei die Aufgeschlossenheit gegenüber Tai Chi Chuan und die Bereitschaft zum regelmäßigen Üben. Dafür brauche man wenig Platz, Natur und Umwelt würden geschont. Sollte die ungewohnte Stille in der Turnhalle tatsächlich ein erster Effekt sein, hervorgerufen durch die im ruhigen Fluss geübten, einfachen und sanften Bewegungsformen? Haben die Wiederholungen der harmonischen Abläufe eine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem von Zehntklässlern? Konnten diese Geist, Körper und Seele ein Stück weit in Einklang bringen? Sollten gar hirnvernetzte Übungen bessere schulische Leistungen bewirken? „Nach dem Ausprobieren ist das regelmäßige Üben für den Erfolg entscheidend“, so Steppeler. Dann könne chinesisches Schattenboxen auch der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dienen. Das gilt auch für Ninjutsu, einer Kampfkunst mit ähnlich langer Tradition, die als Geheimlehre in den Ninja-Familien über Generationen weitergegeben wurde. Hier ist Ehemann Ralph Steppeler von der „Ni-To-Dojo“ Bad Reichenhall zuständig, der einzigen Ninjutsu Trainingsgruppe im südöstlichen Oberbayern. „Der Ninja beschäftigt sich mit dieser Kunst, weil er gezwungen ist sein Land, seine Führungspersonen und seine Familie zu beschützen.“ Dehnen, Falltechniken, Rollen, Springen, Laufen oder Klettern gehören ebenso zum Trainingsprogramm wie Waffentraining oder Verteidigungstechniken für Fortgeschrittene. Schnell hat der gewandte und erfahrene Trainer die Kampfeslust der Buben geweckt. Als langjähriger Schüler von Oliver Heine und Guido Schenkel, beide zählen zu den höchstgraduierten Ninjutsu-Lehrern der Welt, verfügt er über ein breites Repertoire an kampferprobten Techniken. Seine Demonstrationen beeindrucken ob ihrer Vielfalt und Entspanntheit. „Wir unterrichten eine der umfassendsten Kampfkünste, die es heute noch gibt“, so Steppeler. „Sie beruht im Grunde auf den natürlichen Bewegungen des Körpers, mit denen der Schüler lernt, sich gegen jede Art von Gewalt zu verteidigen. Und darauf liegt der Schwerpunkt. Ein reines Defensivkonzept. „Der beste Kampf ist immer der, der nicht geführt wird“, so nimmt Steppeler jeder Aggressionslust von vornherein die Spitze. Das äußerst flexible System unendlich kombinierbarer Techniken, ermöglicht es, in jeder Gefahrensituation angemessen zu reagieren. Tai Chi und Ninjutsu, die ersten Geheimnisse altchinesischer Kampfkunst scheinen nach dieser Lektion für den Anfang entschlüsselt. Ob sie weiter „ruhig und langsam“ in das Bewusstsein unseres westlichen Kulturkreises vordringen, wird vorrangig davon abhängen, ob ihr Einlass gewährt, Zeit und Raum gegeben und ihr vielseitiger Nutzen in ganzem Umfang erkannt wird. (J. Vesper) |
