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Im Berner Oberland, hoch über dem Thunersee, liegt auf einer Höhe von 1200 Metern das Dorf Beatenberg. Die Bergidylle verheißt vor der imposanten Kulisse der Eisriesen Eiger, Mönch und Jungfrau ungetrübte Urlaubsfreuden. Dass sich gerade hier eines der renommiertesten Internatsschulen Europas befindet, kann da nur verwundern. Das Institut Beatenberg sorgt seit vielen Jahren durch seine fortschrittliche Pädagogik in der Fachwelt für Furore. Damit das Beispiel Schule macht, kommen immer öfter Erziehungsfachleute hierher, um Anschauungsunterricht zu nehmen. Auch die Lehrer unseres „Kompass“-Projekts, Herr Meier, Herr Schinwald und Herr Vesper hatten dieser Tage im Rahmen einer Bildungsreise Gelegenheit, pädagogische Höhenluft zu schnuppern.

Wo vor über hundert Jahren der europäische Hochadel sich in riesigen Grand Hotels ein Stelldichein gab, ist dem längsten Dorf der Welt die Aussicht und eine intakte Naturlandschaft geblieben. In Waldegg, einem Ortsteil von Beatenberg, liegen die Gebäude jenes Instituts, das in den letzten Jahren von sich reden machte. Untrennbar verbunden ist die Einrichtung und ihre Idee mit dem Namen Andreas Müller. Er setzte vor fast 15 Jahren den Betrieb in Gang und moderne pädagogische Leitideen in die Tat um.

„Die Individualität und Eigenständigkeit des Lernens muss bei jedem Schüler im Vordergrund stehen,“ so der frühere Journalist, Pädagoge und ausgebildete Psychologe. Niemand werde beschämt oder herabgewürdigt, das Vertrauen in die eigene Lern- und Leistungsfähigkeit gestärkt. Das Ambiente müsse stimmen. „Aber auch die Regeln müssen strikt beachtet werden.“ Physische oder psychische Gewalt, Drogen oder Alkoholkonsum sowie Diebstahl und andere Delikte haben den direkten Schulauschluss zur Folge. „Bei Verdacht auf Drogen nehmen wir eine Urinprobe,“ so der Schulleiter. „Kinder haben ein Recht auf klare Regeln.“

Heimlich rauchen, fehlende Lernnachweise oder Verstöße gegen zeitliche Vorgaben werden rigoros sanktioniert. Volkan ist 14, unterhaltsam und beredt. Er spricht fließend Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. In der Hand hält er ein Sammelportfolio für seine Lernnachweise. Er erklärt, wie man mit einem Kompetenzraster arbeitet und eine Agenda funktioniert. „Hier sieht man, was man kann und nicht kann. Das ist gut,“ stell der Schüler einvernehmend fest.  Seit einem Jahr ist er in Beatenberg, zusammen mit über 50 Mitschülern. Der Junge aus Zürich hat die Philosophie der Einrichtung längst verinnerlicht. „Er verfügt über ein hohes Maß an Fach-, aber wenig Wirkungskompetenz,“ so Müller. Sprich, er hat viel Talent, macht aber nichts daraus.



Volkan, der schlagfertige Junge aus Zürich, erklärte den Lehrern die ganz andere Art zu lernen, die ihm einerseits  Freiraum gewährt, aber anderseits auch strenge Disziplin einfordert.


Viele der Kinder und Jugendlichen im Alter von 11 bis 18 Jahren seien in den vorher besuchten Schulen auffällig geworden, durch geringen Lernerfolg oder problematisches Verhalten. „Hier oben legt sich das zumeist,“ so der Autor zahlreicher Fachbücher. „Jedes Verhalten ist auch immer abhängig vom Kontext.“ Schließlich ändere sich mit dem Schulwechsel auch die Sichtweise der Kinder. Nicht mehr die Inhalte zählten, sondern die Kompetenzen. Testverfahren jedweder Art spielen hier keine Rolle mehr. Das System des persönlichen Coachings sorgt für eine individuelle Rundumbetreuung. Die „Tagesschule“ beginnt um 7  und endet mit dem gemeinsamen Abendessen um 18 Uhr. Das System der Präsenzzeit sieht vor, dass Lehrkräfte oder Coaches ihre 2000 Stunden Arbeitszeit pro Jahr im Schulhaus verbringen. „So bleibt Zeit für die Beziehungspflege, ein wesentlicher Erfolgsfaktor unserer Arbeit“, nimmt Müller seine Leute in die Pflicht.

Aus Klassen wurden Lernteams. Hier soll die individuelle Kompetenz gefördert werden, auf ganz unterschiedlichen Wegen. Lernende sind dabei aktiv Gestaltende. „Sie lernen selbst und ständig“, so der Internatsleiter. Lernen verstehe sich dabei als ein lustvolles Entdecken eigener Stärken zum Nutzen einer erfolgreichen Lebensgestaltung. Erfolg stehe als Synonym für Selbstwirksamkeit. Einen großen Teil der Arbeitszeit gestalten sich die Schüler in eigener Regie. „Das Lernen als Straße zum Erfolg, ist eine Dauerbaustelle, ein permanenter Entwicklungsprozess.“ Für ein durchweg angenehmes Arbeitsklima sorge die sogenannte Flüsterkultur in den Arbeitsräumen.

Auch in der Wirtschaft setze sich der Trend zur kompetenzorientierten Betrachtungsweise mehr und mehr durch. Der Vergleich des eigenen Stärken-Schwächen-Profils mit den Anforderungen weiterführender Ausbildungen erlaube eine Einsicht in den nötigen Handlungsbedarf. „Kein Kind verlässt unsere Schule ohne eine Anschlusslösung“, so Referent Müller, dessen Vortragskunst im gesamten deutschsprachigen Raum hohe Wertschätzung findet. Den meisten von seinen Schützlingen dürfte das Abschiednehmen allerdings schwerfallen, verlassen sie doch damit nicht nur den idyllischen Logenplatz vor der Kulisse der Berner Alpen, sondern vor allem den vertraut gewordenen Platz in einer einzigartigen Lernwelt.

J. Vesper

 
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