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Seit mittlerweile zwei Jahren läuft das „Kompass“-Projekt, das sich die Stärkenförderung von Schülern auf seine Fahnen geschrieben hat, an mehreren oberbayerischen Realschulen. Lernkonzepte, die vorhandenes Talent wertschätzen, die Fehlerkorrektur ins zweite Glied rücken und gleichzeitig zur Verbesserung von Leistungen führen, sollen erprobt und ausgewertet werden, um sie schließlich in den Lehrplänen zu verankern. Im Rahmen der 4. Vollversammlung in München präsentierten die teilnehmenden Schulen einen Überblick ihrer vorläufigen Konzepte. Viel Beachtung fand auch das Modell der Knabenrealschule Freilassing.
 
Zur Halbzeitanalyse des Kompass-Projekts bemühte Boris Hackl, Geschäftsführer der Stiftung Bildungspakt Bayern, der gemeinsam mit dem Kultusministerium das Modellprojekt in Gang gesetzt hat, den Vergleich mit der Spielpause der kickenden Zunft: „Spiele werden oft erst in der zweiten Hälfte entschieden.“ Ergebniskorrekturen in Richtung erfolgreicher Spiel- , sprich „Projektabschlüsse“ wünscht sich Hackl für das Jahr 2011. Dann soll die pädagogische Literatur um ein neuerliches Sammelwerk bereichert werden, das die Ergebnisse der vierjährigen Studie festhält und für den praktischen Unterricht nutzbar macht.
 
Die Zwischenbilanz jedenfalls kann sich sehen lassen. Auf eigens erstellten Plakaten wurde sichtbar, was engagierte Pädagogen aus 13 verschiedenen Schulen bisher auf die Beine gestellt haben. Da ist von „Kompetenzrastern“ die Rede, von einem „Selbstlernzentrum mit individueller Rückmeldung“, vom „Unterricht in Kompetenzgruppen“ oder auch von einem Projekt mit dem verheißungsvollen Titel „Gutes Benehmen/ Werteerziehung“.  Häufig ist von Kompetenz die Rede. Ein eigenes Unterrichtsfach  zur Vermittlung  „medialer, methodischer und sozialer Kompetenz“ steht dabei im Mittelpunkt der Freilassinger  Knabenrealschul-Konzeption.
 
Der Hintersinn der abstrakten Begrifflichkeiten lässt sich mit etwas interpretatorischem Gespür leicht entschlüsseln. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Uni Göttingen, bringt die Ansätze der Kompetenzpädagogik auf einen einfachen Nenner: „Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können.“ Jedes Kind habe den Drang zu zeigen, dass es etwas kann. Ein sehr guter Ansatz zur Präsentation des eigenen Könnens eröffne sich dabei durch sogenannte Portfolios, so Dr. Felix Winter, Pädagogik-Wissenschaftler an Universität Zürich. Der ursprünglich in der Finanzwelt beheimatete Begriff hält gegenwärtig verstärkt Einzug in den Bildungsbereich.
 
„An vielen Schulen in Deutschland wird derzeit mit Portfolios experimentiert“, so Winter in seinem Vortrag vor der Vollversammlung. Hierbei wird eine Sammlung von Dokumenten angelegt , die unter aktiver Beteiligung der Schüler zustande kommt und etwas über deren  Lernergebnis und ihrer Lernprozesse aussagt. Den Kern eines Portfolios bilden ausgewählte Originalarbeiten, die in einem geeigneten Rahmen präsentiert und von anderen Personen wahrgenommen werden sollten, um sie anschließend zu besprechen und abschließend zu bewerten. „Der Lehrer kommentiert sie, aber auch die Schüler selbst,“ so der renommierte Psychologe und Schulpädagoge. Im Schulalltag werde mittels der herkömmlichen Leistungsdarstellung durch Ziffernnoten nur ein unterrichtsnaher Ausschnitt über die in Zahlen verschlüsselte Fremdeinschätzung durch eine Lehrperson  festgehalten, während ein vom Schüler selbst gefertigtes Leistungsdokument einen umfassenden Überblick sowohl über die  Unterrichtsinhalte als auch über den individuellen Lernfortschritt geben könne, bricht Winter eine Lanze für das Anlegen von Sammelwerken, die individuelle Bemühungen, Fortschritte und Leistungen in den schulischen Bewertungsfokus rücken.
 
Als erfahrener Pädagoge unterstreicht Winter die Praxistauglichkeit eines portfoliogestützten Unterrichts, der in der Regel zu einer Intensivierung der Arbeit für den Schüler führe und auch mit einer Veränderung der Lehrerrolle einhergehe. „Portfolios machen viel, aber schöne Arbeit,“ so habe man die Erfahrungen in den USA auf den Punkt gebracht. Ob es auf diesem Wege gelingt, neue Motivationsquellen bei den Schülern zu erschließen, soll in den kommenden zwei Jahren im Rahmen des Kompass-Projektes weiter erforscht werden. Von der Veränderbarkeit der eigenen Fähigkeiten jedenfalls seien die Schüler nach Auswertung erster Befragungen zu 80 Prozent überzeugt, so Annette Scheunpflug, Professorin an der  Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Erlangen, in deren Händen die wissenschaftliche Begleitung des Projektes liegt, so dass es auf der Basis von schüleraktiver und offener Unterrichtsgestaltung und einer reformierten Leistungsbewertung tatsächlich zu besseren Ergebnissen in den Klassen kommen könnte.  

(J. Vesper)
 
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