| „Kompass“-Tagung im Schloss Hohenkammer |
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Ein „Kompass“-Schild als Zeichen für das gemeinsame Vorhaben, eine neue Lernkultur zu vermitteln, die die individuelle Persönlichkeit des Schülers und seine Stärken in den Vordergrund stellt, bekam als Vertreter der Knabenrealschule Freilassing im Schloss Hohenkammer Lehrer Christian Daxl überreicht, hier neben Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München, und „Kompass“-Projektleiterin Dr. Svenja Meindl.
Vor genau einem Jahr wurde das „Kompass“-Projekt als Modellversuch an oberbayerischen Realschulen in Gang gesetzt. Auch die Knabenrealschule Freilassing ist in das Projekt eingebunden. Die Vertreter aller teilnehmenden Schulen wurden dieser Tage nach Schloss Hohenkammer eingeladen. In dem idyllisch gelegenen Seminar- und Tagungshotel sollten die neuesten Ergebnisse moderner Pädagogik im Sinne schulischer Stärkenförderung präsentiert und ausgetauscht werden. Viel Interessantes trat dabei zutage.
Die Herbstsonne dringt durch die Fenster des denkmalgeschützten Schlosses. Wo sich im 11. Jahrhundert die Herren von Camer niederließen, betreibt heute die Münchener Rück ein vollständig restauriertes Seminarzentrum gehobener Kategorie. 30 Minuten von der bayerischen Landeshauptstadt entfernt dürfen Tagungsteilnehmer moderne und stilvolle Konferenzräume in Anspruch nehmen und sich nach getaner Arbeit das Herbstmenu der Käfer Gastronomie, die das Restaurant betreibt, munden lassen. Um das Anwesen herum wird auf riesigen Feldern Landwirtschaft betrieben, natürlich ökologisch und dem Nachhaltigkeitsprinzip verpflichtet. So wollen es die neuen Schlossherren.
Nachhaltigkeit, das hat sich auch Helmut Lind auf seine Fahne geschrieben. Lind ist Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München, die das Kompass-Projekt mit 400.000 Euro unterstützt. Auf Anhieb ist der wortgewandte Asket nicht als Banker auszumachen, schon gar nicht als einer, der in Krisenzeiten letzte Pfründe zu sichern sucht. Kariertes Hemd, ohne Krawatte, aber immer hoch konzentriert, verfolgt er zwei Tage lang die Fachvorträge und den Austausch der Realschulpädagogen. Jemand, den sein Mäzenatentum nicht in die VIP-Loungen der Allianz Arena treibt, sondern auf die Schulhöfe – in fremden Ländern, wo er im Urlaub Schulen besucht oder als aktiver Elternbeirat seiner Kinder. Einer der seine Mitarbeiter herausfordert, indem er sie fragt: „Wann haben Sie Ihre Stärken entdeckt?“
Das Beispiel macht deutlich, worauf es im „Kompass“-Modellprojekt ankommt: auf die Wertschätzung vorhandener Begabungen und Fähigkeiten, auf die Betonung individueller Stärken des einzelnen Schülers. „Mit diesem Versuch betreten wir schulisches Neuland“, so Ministerialdirigent Anton Schmid, Leiter der Abteilung Realschulen am Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Entdeckung der individuellen Fähigkeiten, das persönliche Stärkungsprofil und die Förderung der Stärken sieht Schmid als elementare Grundlagen dieser neuen Pädagogik. Das klingt noch reichlich abstrakt.
„Nichts ist ungerechter als die Gleichheit Ungleicher“, so Andreas Müller, Leiter des Instituts Beatenberg in der Schweiz, einer der innovativsten Modellschulen Europas. Der Mitbegründer und Präsident des Instituts für LernCoaching und Lernkultur in Zürich plädiert für eine Freude am Lernen, die ein Leben lang hält. Früher galt: Nach 12.000 bis 15.000 Stunden Schule und 50.000 Seiten Papier hatte man „ausgelernt“. „Heute wachsen die Kinder in virtuellen Welten auf, Bildschirmmedien dominieren den Alltag“, so Müller. Es gehe um die Nutzbarmachung von Informationen, um die Selbstgestaltungskompetenz. Hauptaufgabe der Schule müsse es sein, den Schüler auf den Umgang mit dieser Komplexität vorzubereiten, indem man z. B. informelle Dinge zu schulischen Themen mache. „Das Wissen muss anwendungsorientiert sein“, so der Autor zahlreicher wegweisender Bücher im Bereich der Pädagogik.
Die moderne Hirnforschung liefert Hinweise, wohin die Reise der Schule gehen könnte. Und kommt zu Erkenntnissen, die weitsichtige Pädagogen schon seit Jahrzehnten einfordern: Den Schülern nicht möglichst viel Stoff eintrichtern zu wollen, sondern sie zum eigenen Problemlösen anzuregen, sie im Selbstversuch die Grenzen von Erfolg und Misserfolg ausloten zu lassen. Dabei geht es auch um das Schaffen von Verbindlichkeiten, ohne die jedwede Form des Lernens nur allzu schnell versanden würde. Inhaltliche Basis für diese Verbindlichkeiten und Standards könnten so genannte Kompetenzraster bilden, die in der Vertikalen jene Kriterien enthalten, die ein Fach oder einen bestimmten Lerninhalt definieren – was muss ich können? - und in der Horizontalen zu jedem dieser Kriterien Qualitätsstandards in Form von „Ich-kann“-Beschreibungen anführen – wie gut kann ich es schon? Damit wäre der schulische Entwicklungshorizont verbindlich abgesteckt.
Die am Kompass-Projekt beteiligten Realschulen setzen die Vorgaben und Anregungen unterschiedlich um. Drei Arbeitsfelder stehen zur Verfügung: die Lehrerfortbildung, die Unterrichtsentwicklung und die so genannten „Plus“-Modelle, die z. B. sportliche oder musische aber auch soziale Tätigkeitsfelder einschließen. Die Knabenrealschule Freilassing konzentriert sich dabei auf die Jahrgangsstufe 5. In allen fünften Klassen wurde das Fach Persönlichkeitsentwicklung eingeführt, in den Fächern Deutsch und Mathematik ist durch eine zusätzliche Lehrkraft eine äußere Differenzierung möglich, Tutoren aus den höheren Jahrgangsstufen und Mentoren im sportlichen Bereich unterstützen die Bemühungen der Lehrkräfte. Sozialkompetenz, Lernkompetenz und Selbstkompetenz sind die Eckpfeiler pädagogischen Bemühens. Neben der Vermittlung von Gesprächs- und Verhaltensregeln und der Erziehung zum kritischen Umgang mit Medien und zur effektiven Arbeitsplatzgestaltung steht vor allem die individuelle Persönlichkeitsstärkung im Blickpunkt des Unterrichts.
Neben dem „Kompass“-Projekt laufen an bayerischen Realschulen derzeit zahlreiche weitere Modellversuche, die das Lernen attraktiver und effizienter machen sollen. Besonders leistungsfähige Schüler überspringen in den so genannten „Talentklassen“ - derzeit in Rosenheim und Nürnberg in der Erprobung – die Jahrgangsstufe 7 und werden zusammengefasst in einer Klasse und danach innerhalb von drei Jahren zum Abschluss geführt. Außerdem gibt es den Modellversuch „Bilingulaer Sachunterricht“, „Musik als Profilfach“ und „Spanisch als Profilfach“. Partnerschulen des Winter- und Leistungssports bieten die Möglichkeit leistungssportliches Training und schulische Anforderungen schülergerecht zu verbinden.
J. Vesper
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