Der Ring. Die Nibelungen
Gastspiel des Landestheaters Salzburg in der Knabenrealschule
Als sich der Dichter Friedrich Hebbel vor 150 Jahren von dem altgermanischen Heldenlied, in dem schwelender Betrug, Mord, Hass und Rache ebenso zu Buche schlagen wie Tapferkeit, Liebe, Sieg und Untergang, überwältigen ließ, stellte er seiner ersonnenen Tragödie über die Nibelungen eine Widmung an seine Frau voran, in der es heißt: „Denn diesen Abend ward mein Jugendtraum lebendig, alle Nibelungen traten an mich heran, als wär ihr Grab gesprengt.“ Ähnlich mag es manchem Siebtklässler ergangen sein, der in der letzten Woche einem Gastspiel des Landestheaters Salzburg in der Knabenrealschule beiwohnen konnte. Die Protagonisten der mobilen Jugendtheater-Produktion brachten ein höchst lebendiges und modernes Stück von Katja Fillmann auf die Bühne: „Der Ring. Die Nibelungen“.
Die Geschichte vom grausamen Untergang der Nibelungen in nur einer Stunde? Kriemhild (Anja Klementi) und Hagen (Detlef Trippel) haben sich viel vorgenommen. Ein überdimensionales Sofa in hellgrünem Seidenbezug bildet den Mittelpunkt des theatralen Feuerwerks. Hagen will an die „Knete“ betitelt Siegfried als „Penner“, der „Extremsportarten liebt“. Als Trippel mit knapper blonder Perücke in die Rolle des Siegfried schlüpft, erfährt das Spieltempo noch einmal eine deutliche Steigerung. „Mich hungert und dürstet, wo ist die Kantine?“, fragt der Drachentöter, während Kriemhilds „Stiletten von Gucci“ nun endgültig altgermanisches Interieur verlassen.
Doch man ahnt es fast: Auch hier werden dunkle Schicksalsmächte das Geschehen bestimmen und den Leitsatz des Werkes umsetzen, dass jede Freude zuletzt Leid hervorbringt. Doch bis dahin ist es noch ein Stück. Noch einmal läuft Trippel zur Hochform auf. Aus den Lautsprechboxen ertönt „die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag. - lass dich einfach von ihr tragen, denk am besten gar nach.“ Der Ratschlag des „Juli“-Ohrwurms wird spätestens jetzt vom Publikum umgesetzt. König Gunter – auf seiner Reise nach Island - blickt wie ein U-Boot-Kapitän nach dem Auftauchen aus der Sofaluke. Mit langem Haar, Tatoo am Oberarm und der erlaubten Freizügigkeit des durchtrainierten Oberkörpers vermittelt das schauspielerische Multitalent, das auch bei den Passionsspielen in Oberammergau eine gute Figur abgeben würde, einen Hauch von „Fluch der Karibik“. .
Die Turnhalle der Knabenrealschule wird zum Schauplatz von Liebe, Intrige, Mord, Verrat und grausamer Rache. Der Ring. Die Nibelungen basiert auf dem Nibelungenlied, das im 12. Jahrhundert zum ersten Mal schriftlich festgehalten wurde, auf Hebbels Dramentrilogie und Wagners gigantischer Opern Tetralogie – eine gesungene, erzählte und gespielte Recherche auf ein großes Epos. Katja Fillmann sorgt mit ihrem Stück für einen vereinfachten Zugang zur „großen Literatur“ - nicht nur für Jugendliche. Mit der Umsetzung von Fontanes „Effi Briest“ in eine jugendgerechte Bühnenfassung ist ihr das schon einmal gelungen. „Nibelungen-Light“, leicht verdaulich ist die komprimierte Theaterkost nicht immer. Eine sehr innovative und gelungene Aufführung.
Eine Schauspielerin, die mit ihrem temperamentvollen, manchmal etwas schrillem Durchsetzungswillen, die weiblichen Figuren des Stückes rasant, aber nicht ohne Charme, vorführt, ein Schauspieler, der das Heldenhafte und Draufgängerische nicht nur verkörpert, sondern auch gekonnt in Wortwitz, Mimik und Gestik umzusetzen weiß, ein Sofa, zwei Assistenten, die mithilfe von Laptop und Beamer für optische und akustische Effekte neuzeitlicher Prägung sorgen – mehr braucht es nicht, um deutlich zu machen, dass ritterliche Tugenden, die umschlagen in Gewalt und Härte und das grimmige Warten auf die Stunde der Rache kein gutes Ende verheißen: der stolze Untergang in der Schicksalsstunde der Bewährung. Alle sterben ohne Klagen und ohne Gedanken an einen Gott oder das Jenseits. Willenshärte, Treue, Schicksalsergebenheit stehen im Mittelpunkt – und sind dem Untergang geweiht. - Das bedeutendste mittelhochdeutsche Epos, das im 13. Jahrhundert aus germanischen Heldensagen entstand, wurde seitdem oft benutzt und neu gewoben, leider auch missbraucht. Die Beschwörung deutschen Heldentums und germanischer Tugenden sind leider auch ein Teil einer unrühmlichen Epoche deutscher Vergangenheit.
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